Pattensen desinformiert über Flüchtlinge

Am 28. November 2015 informierte die Stadt Pattensen interessierte Bürger im Ratskeller öffentlich über die örtliche Flüchtlingsproblematik. Gemeinsam mit den Bundestagsabgeordneten Dr. Maria Flachsbarth (CDU) und Dr. Matthias Miersch (SPD) sowie der Landtagsabgeordneten Dr. Silke Lesemann (SPD) stand Bürgermeisterin Ramona Schumann (SPD) Rede und Antwort. Nach Angaben des Herold (die Zeitung mit den amtlichen Mitteilungen der Stadt Pattensen) kamen zu dieser Veranstaltung rund 200 Besucher. Und die erfuhren dann, dass Niedersachsen im August 75.000 Flüchtlinge aufnehmen musste, dass diese an die Kommunen im Land nach einem bestimmten Schlüssel verteilt werden und, dass Pattensen wöchentlich durchschnittlich zehn Personen aufnimmt. Nach Angaben des Herold betonte Jörg Laszinki, Leiter des städtischen Fachbereichs Bürgerdienst, bei dieser Gelegenheit ausdrücklich, dass die Flüchtlinge in Pattensen nicht in Sammellagern untergebracht, sondern in Wohnungen einquartiert werden sollen. Er wies zwar darauf hin, „dass wir im nächsten Jahr (also 2016) so viele Flüchtlinge bekommen werden, dass Sammellager nicht zu vermeiden sein werden“, die Stadtverwaltung arbeite aber mit Hochdruck an dieser Problematik. Die anwesenden Bürger dachten in diesem Augenblick an den früheren Standort von Takko an der Koldinger Straße, über den in diesem Zusammenhang von den Medien bereits berichtet wurde. Und Peter Winter aus dem Pattenser Flüchtlingsnetzwerk richtete einen Appell an die Sportvereine, sich einzubringen. Der Herold zitierte ihn mit den Worten: „Kinder wollen bewegt werden.“ Der Sport könne diesbezüglich noch einiges übernehmen. Und Geld schien auch kein Problem zu sein. Jedenfalls schrieb der Herold: Die Abgeordneten Dr. Silke Lesemann und Dr. Maria Flachsbarth machten deutlich, dass Land und Bund viel zusätzliches Geld für die Flüchtlingsproblematik in ihre Haushalte einstellen werden oder sogar schon eingestellt haben. „Berlin hat jetzt weitere 8,7 Milliarden Euro auf den Weg gebracht“, sagte Maria Flachsbarth. Und Silke Lesemann unterstrich, dass in Niedersachsen mehrere Töpfe mit Geld bereit stehen würden. Die meisten der Anwesenden gingen an diesem Samstag mit dem guten Gefühl nach Hause, dass die Verantwortlichen in Pattensen die örtliche Flüchtlingsproblematik im Griff hätten. Doch weit gefehlt.

Kaum war das Wochenende um, sah die Welt in Pattensen plötzlich ganz anders aus. Kaum waren die Abgeordneten aus Bundes- und Landtag abgereist, erfuhren die interessierten Bürger aus den Medien, was man ihnen während der zentralen Veranstaltung lieber nicht sagen wollte: Die Stadt Pattensen wird in 2016 mehrere Notunterkünfte errichten. Dafür benötigt sie alle Turnhallen der Stadt und der angeschlossenen Gemeinden. Untergebracht werden ausschließlich männliche Flüchtlinge. Und die Unterbringung ist nicht kurzfristiger Natur.

Schon am 2. Dezember berichtete die HAZ unter Berufung auf Stadtsprecherin Andrea Steding: „Ab Januar wird die Stadt Notunterkünfte für Flüchtlinge in Turnhallen einrichten. Dies werde keine kurzfristige Lösung sein. Die Turnhallen werden für Monate belegt.“ Und derselbe Jörg Laszinki, der noch am Samstag von der Unterbringung von Flüchtlingen in Wohnungen gesprochen hatte, lässt an diesem Dienstag wissen: „Wir haben es lange Zeit hinausgezögert. Doch jetzt gibt es keine andere Möglichkeit mehr, als auf Notunterkünfte auszuweichen.“ In den Notunterkünften werden alleinstehende Männer untergebracht, keine Familien, schreibt die HAZ weiter. Dass dies nicht unproblematisch ist, weiß offensichtlich auch Stadtsprecherin Andrea Steding, denn: „Das führe zu Streit und Eifersucht.“ Aber: „Ich sehe durch den Zuzug der Flüchtlinge eine große Chance für diese Stadt.“ Welche das sei, sagte sie leider nicht. Rasch folgten einige Beschwichtigungsversuche unter anderem von der Vorsitzenden des Sportrings Pattensen, Ellen Eggers, die davor warnte, die Vereine zu verunsichern. Zitat Leine-Nachrichten: „Die Schulturnhallen im Stadtgebiet würden von der Stadt geprüft, ob sie für die Unterbringung von Flüchtlingen geeignet wären, sagte Eggers. Es sei aber noch nicht sicher, ob eine der Hallen überhaupt benötigt würde.“ Doch umgehend stellte Bürgermeisterin Ramona Schumann in der HAZ noch einmal unmissverständlich klar: „Wir reden von allen Turnhallen. Wir wissen nur noch nicht wann und in welcher Reihenfolge.“ Und weiter: Seit etwa einem Jahr seien praktisch alle Verwaltungsmitarbeiter mit dem Thema Flüchtlinge befasst. „Die Stadt arbeitet seit mehreren Monaten im Ausnahmezustand.“ Von Kindern, die bewegt werden müssten, und Sport als Mittel zur Integration ist längst keine Rede mehr.

Es fällt schwer, zu glauben, dass sich die Situation in Pattensen tatsächlich von Samstag, 28.11., bis Dienstag, 02.12., – also binnen eines einzigen Werktages – derart dramatisch verändert hat. Ich bin zumindest der Ansicht, dass man niemandem einen Vorwurf machen kann, wenn er daran zweifelt, dass die Erkenntnisse, die unmittelbar nach der zentralen Info-Veranstaltung an die Medien gegeben wurden, nicht schon früher bekannt waren und bewusst zurück gehalten wurden, weil man sich scheute, den Bürgern von Angesicht zu Angesicht reinen Wein einzuschenken. Haben die Bundestagsabgeordneten Dr. Maria Flachsbarth (CDU) und Dr. Matthias Miersch (SPD), die Landtagsabgeordnete Dr. Silke Lesemann (SPD), Bürgermeisterin Ramona Schumann (SPD) und Jörg Laszinki am 28. November gelogen und/oder Informationen zurückgehalten? Ich beschloss, die Entwicklung im Auge zu behalten und darüber einen Blog zu schreiben.

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3 Antworten

  1. Frank sagt:

    Dann müssen wir wohl damit rechnen, dass alle Turnhallen belegt werden. Wurde etwas über die Reihenfolge mitgeteilt ? Oder gibt es doch eventuell andere Alternativen? Gab es eigentlich eine Reaktion von der Polizeidirektion Hannover? Ich habe nur von einer Stadtangestellten gehört, das ein angeblicher Waffenfund in Pattensen totaler Quatsch sei. Gab es Aussagen hinsichtlich der Sicherheit? Wachdienst oder ähnliches, da ich bereits angemerkt hatte, das die Polizei in Pattensen am Wochenende gar nicht besetzt ist? Was mich Ärgert ist, das bereits vor einem Jahr von einem Bau einer Flüchtlingsunterkunft gesprochen wurde, sich aber rein nichts getan hat. Prioritäten sind Grundsteinlegung KGS Pattensen, neues Rathaus usw. In Hannover wird mittlerweile am Waterloo gebaut, das ehemalige Maritim für 550 Menschen hergerichtet und Pattensen ist immer nur Überrascht !! Würde mich freuen wenn Du weiterhin aktiv das weitere Geschehen dokumentiert.
    Mit freundlichen Grüßen

  2. Frank Titze sagt:

    Bin sehr neugierig was bei dem heutigen Termin besprochen wurde. Man hört von der Stadt Pattensen gar nichts mehr über Turnhallen oder Bürgereinladung !! Anscheinend ist alles im Sand verlaufen ??

    Mit lieben Grüßen
    Frank

    • Thomas sagt:

      Hallo Frank, es ist schwierig, verlässlich aus einem Gespräch zu berichten, dass unter sechs Augen geführt wurde, weil man nie ausschließen kann, dass die beiden Gesprächspartner sich an Einzelheiten anders erinnern, als man selbst. Die Situation hat sich aber grundsätzlich nicht verändert. Bürgerinformationen sollen mit Vorlauf zur Belegung von Sporthallen stattfinden. Garantien dafür gibt es aber nicht, weil niemand mit Sicherheit sagen kann, mit welchem Vorlauf die Stadt von der Region über die Ankunft der neuen Mitbürger informiert wird. Die Überprüfung der Turnhallen hat wohl ergeben, dass bis zu 200 Personen darin untergebracht werden können. Pattensen rechnet mit 150 neuen Flüchtlingen im ersten Quartal und weiteren 150 bis zum Jahresende. Insgesamt also 300 Personen.

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